Kodex

Präambel

Journalismus bedingt Freiheit und Verantwortung. Journalisten und Medienschaffende tragen in besonderer Weise Verantwortung für die Unabhängigkeit und Freiheit der Medien, die einen unverzichtbaren Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft darstellt. Die redaktionellen Führungskräfte sind besonders gefordert: Sie haben für die konsequente Einhaltung der Grundsätze für die publizistische Arbeit in ihrem jeweiligen Wirkungsbereich zu sorgen.

Alle journalistische Arbeit hat sich auf Basis eines Regelwerks zu messen und beurteilen zu lassen. Dabei ist auch regelmäßig wenn nicht laufend zu prüfen, ob das Regelwerk noch zeitgemäß und angemessen ist, oder aufgrund neuer Erkenntnisse oder äußerer Gegebenheiten adaptiert werden sollte.

Diese Erstfassung eines Ehrenkodex für journalistische Arbeit orientiert sich am Ehrenkodex für die österreichische Presse, verändert und erweitert diesen.

1. Freiheit

1.1. Die Freiheit in Berichterstattung und Kommentar, in Wort und Bild ist integrierender Bestandteil der Pressefreiheit. Das Sammeln und Verbreiten von Nachrichten und Kommentaren darf nicht behindert werden.

1.2. So genannte freiwillige Selbstbeschränkungen sowie vorauseilender Gehorsam aufgrund von Ideologien, Parteizugehörigkeiten, Religionen oder sonstiger einseitiger, einschränkender Geisteshaltungen und Denkrichtungen sind abzulehnen und so weit wie möglich zu vermeiden.

2. Genauigkeit

2.1. Gewissenhaftigkeit, Vollständigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren sind oberste Verpflichtung von Journalisten.

2.2. Durch Anführungszeichen gekennzeichnete Zitate müssen so weit wie möglich den Wortlaut wiedergeben. Eine lediglich sinngemäße Wiedergabe darf nicht unter Anführungszeichen gesetzt werden. Anonyme Zitierungen sind zu vermeiden, sofern es nicht um die Sicherheit der zitierten Person oder die Abwehr eines anderen schweren Schadens von dieser geht.

2.3. Beschuldigungen dürfen nicht erhoben werden, ohne dass nachweislich wenigstens versucht worden ist, eine Stellungnahme der beschuldigten Person(en) oder Institution(en) einzuholen. Handelt es sich um die Wiedergabe einer öffentlich erhobenen Beschuldigung, ist dies deutlich kenntlich zu machen.

2.4. Sobald einer Redaktion zur Kenntnis gelangt, dass sie eine falsche Sachverhaltsdarstellung veröffentlicht hat, entspricht eine freiwillige Richtigstellung dem journalistischen Selbstverständnis und Anstand.

2.5. Wenn zu einem Bericht von Leserseite eine begründete Richtigstellung einlangt, soll diese so weitgehend und so rasch wie möglich veröffentlicht werden.

2.6. Wenn in einer von einem Medium behandelten Angelegenheit eine wichtige richterliche oder behördliche Entscheidung ergeht oder auf anderem Weg wesentliche neue Gesichtspunkte auftauchen, soll im Rahmen der Vollständigkeit darüber angemessen berichtet werden.

2.7. Unter Vollständigkeit in der Berichterstattung versteht sich auch, dass zu Sachverhalten so weit wie möglich und in der Sache sinnvoll mehrere Betrachtungsweisen und Standpunkte dargestellt werden.

2.8. Insbesondere in der Arbeit in Online Medien ist es unabdingbar, dass jeder Bericht mit einem Datum gekennzeichnet ist. Alle Vorgänge, über die berichtet wird, sollten ebenso klar zeitlich zugeordnet werden.

3. Unterscheidbarkeit

3.1. Für die Leserinnen und Leser muss klar sein, ob es sich bei einer journalistischen Darstellung um einen Tatsachenbericht oder die Wiedergabe von Fremdmeinung(en) oder um einen Kommentar handelt.

3.2. Vor der Wiedergabe von Fremdmeinungen sollte deren Stichhaltigkeit überprüft werden, wenn gravierende Zweifel an der Richtigkeit eines Zitats bestehen. Insbesondere kontroversielle Aussagen sollten überprüft und gegebenenfalls kommentiert werden. Alternativ kann eine Gegenmeinung einer Fachperson vergleichbarer Kompetenz eingeholt und dargestellt werden.

3.3. Fotomontagen und Bildbearbeitungen, die von flüchtigen Lesern/innen als dokumentarische Abbildungen aufgefasst werden, müssen deutlich als Montagen oder Bearbeitungen kenntlich gemacht werden. Im Bereich der Berichterstattung sollten Fotomontagen sowie Symbolbilder aus Bilddatenbanken so weit wie möglich vermieden werden.

4. Einflussnahmen

4.1. Eine Einflussnahme Außenstehender auf Inhalt oder Form eines redaktionellen Beitrags ist unzulässig.

4.2. Unzulässige Beeinflussungsversuche sind nicht nur Interventionen und Pressionen, sondern auch die Zuwendung persönlicher Vorteile, die über den Bereich unmittelbarer beruflicher Tätigkeit hinausgehen.

4.3. Wer im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Journalist/in Geschenke oder andere persönliche Vorteile entgegennimmt, die geeignet sein könnten, die journalistische Darstellung zu beeinflussen, verstößt gegen das journalistische Ethos.

4.4. Wirtschaftliche Interessen dürfen redaktionelle Inhalte nicht in einer Weise beeinflussen, die Fehlinformationen oder Unterdrückung wesentlicher Informationen zur Folge haben könnte.

4.5. In Berichten über Reisen, die auf Einladung – also fremde Rechnung – erfolgten, soll auf diese Tatsache in geeigneter Form hingewiesen werden.

4.6. So genannte PR-Artikel sind klar als Werbemaßnahmen zu kennzeichnen. In derselben Ausgabe eines Mediums ein Inserat eines Auftraggebers und positive Berichterstattung über diesen Auftraggeber zu veröffentlichen ist unschicklich.

5. Persönlichkeitsschutz

5.1. Jeder Mensch hat Anspruch auf Wahrung der Würde der Person und auf Persönlichkeitsschutz, sofern es sich nicht um Verbrecher handelt, vor deren potentiellen weiteren Taten die Bevölkerung zu schützen ist.

5.2. Persönliche Diffamierungen, Verunglimpfungen und Verspottungen verstoßen gegen das journalistische Ethos.

5.3. Personen, deren Leben gefährdet ist, dürfen in Medienberichten nicht identifiziert werden, wenn die Berichterstattung die Gefährdung vergrößern kann.

6. Intimsphäre

6.1. Die Intimsphäre jedes Menschen ist grundsätzlich geschützt.

6.2. Bei Kindern ist dem Schutz der Intimsphäre Vorrang vor dem Nachrichtenwert einzuräumen.

6.3. Vor der Veröffentlichung von Bildern und Berichten über Jugendliche ist die Frage eines öffentlichen Interesses daran besonders kritisch zu prüfen.

6.4. Berichte über Verfehlungen Jugendlicher sollen auch deren mögliche Wiedereingliederung in die Gesellschaft maßvoll im Auge behalten.

6.5. Bei der Befragung und beim Photographieren von Kindern und in der Berichterstattung über Fälle, die deren Existenz nachteilig beeinflussen kann, ist besondere Zurückhaltung geboten.

7. Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung

7.1. Pauschalverdächtigungen und Pauschalverunglimpfungen von Personen und Personengruppen sind unter allen Umständen zu vermeiden.

7.2. Jede Diskriminierung wegen des Alters, einer Behinderung, des Geschlechts sowie aus ethnischen, nationalen, religiösen, sexuellen, weltanschaulichen oder sonstigen Gründen ist unzulässig.

7.3. Berichte über religiöse Lehren oder anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie quasireligiöse politische Organisationen und Ideologien haben stets einer objektiv messbaren Sachlichkeit zu entsprechen.

8. Materialbeschaffung

8.1. Bei der Beschaffung mündlicher und schriftlicher Unterlagen sowie von Bildmaterial sollen keine unlauteren Methoden angewendet werden.

8.2. Unlautere Methoden sind z.B. Einschüchterung, Erpressung, brutale Ausnützung emotionaler Stress-Situationen.

8.3. Wenn Informationen von besonderem öffentlichen Interesse nur beschafft werden können, wenn verdeckte Recherchen Anwendung finden, einschließlich der zu ihrer Durchführung notwendigen angemessenen Methoden, dann sind diese gerechtfertigt.

8.4. Bei der Verwendung von Privatfotos ist die Zustimmung der Betroffenen bzw. im Fall von Minderjährigen der Erziehungsberechtigten einzuholen, es sei denn, an der Wiedergabe des Bildes besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse.

9. Redaktionelle Spezialbereiche

9.1. Reise- und Tourismusberichte sollen in geeigneter Weise auch auf soziale und politische Rahmenbedingungen und Hintergründe (z.B. gravierende Menschenrechtsverletzungen) verweisen.

9.2. Alle Bewertungen von Konsumgütern und Dienstleistungen sollen nachvollziehbaren Kriterien folgen sowie von journalistisch qualifizierten Personen verfasst werden.

9.3. Berichte über Belange der Geschichte haben den Zeitgeist der beschriebenen Zeit darzustellen und zu erklären, wenn Handlungen und Begriffe in jener Zeit eine andere Bedeutung als in der Gegenwart hatten.

10. Öffentliches Interesse

10.1. In konkreten Fällen, insbesondere bei Personen des öffentlichen Lebens, wird es notwendig sein, das schutzwürdige Interesse der Einzelperson an der Nichtveröffentlichung eines Berichts bzw. Bildes gegen ein Interesse der Öffentlichkeit an einer Veröffentlichung sorgfältig abzuwägen.

10.2. Öffentliches ist besonders dann gegeben, wenn es um die Aufklärung schwerer Verbrechen, den Schutz der öffentlichen Sicherheit oder Gesundheit, den Schutz vor weiteren Verbrechen oder um die Verhinderung einer Irreführung der Öffentlichkeit geht.

10.3. Fotos, die unter Missachtung der Intimsphäre der (des) Abgebildeten entstanden sind (etwa durch Auflauern), sollten nur dann veröffentlicht werden, wenn ein über das Voyeurhafte hinausgehendes öffentliches Interesse klar ersichtlich ist.

11. Interessen von Medienmitarbeitern

Die Presse wird ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit nur dann gerecht, wenn private und geschäftliche Interessen von Medienmitarbeitern keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte haben. Medienmitarbeiter verwenden Informationen, die sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit erfahren und die nicht öffentlich zugänglich sind, nur für publizistische Zwecke und nicht zum eigenen Vorteil oder zum Vorteil Dritter.

Insbesondere verstehen Journalisten, dass ihre gesellschaftliche Aufgabe in der objektiven Beobachtung und Beschreibung von Sachverhalten liegt und nicht darin, selbst Partei zu ergreifen oder Politik zu machen. Der Journalist ist kein Richter und agiert niemals als handelnde Person in den Bereichen, über die er berichtet. Der Fokus journalistischer Arbeit sollte nicht auf der Verbreitung eigener Meinung liegen. Der Journalist darf sich nicht dahingehend korrumpieren lassen, als gefragter VIP plötzlich selbst im Rampenlicht zu stehen.

Fassung vom 14.9.2015

 

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